2. Schloss: 1831 bis 1960

Das zweite Schloss von 1831 bis 1960

1830-1884: Die Epoche Herzog Wilhelms

Als jüngerer Bruder von Karl II. war Wilhelm (1806-1884) zunächst nicht für die Thronfolge vorgesehen. Er war vielmehr in den preußischen Militärdienst eingetreten und verbrachte einige Jahre in Berlin. Im Herbst 1830 übernahm er mit knapp 25 Jahren anstelle seines geflohenen Bruders die Regierungsgeschäfte. Im Gegensatz zu Karl stand Wilhelm den neuen, liberalen Ideen der Zeit offener gegenüber. Er regierte das Herzogtum über 50 Jahre. In dieser Zeit wurde eine konstitutionelle Verfassung, die so genannte „Neue Landschaftsordnung“ (1834) eingeführt, und es wurden weitere umfassende Reformen durchgeführt. Die Bewahrung der braunschweigischen Unabhängigkeit war eine Folge der eng an Preußen angelehnten Außenpolitik Wilhelms. Noch vor der allgemeinen Industrialisierung in Deutschland ab der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte im Herzogtum Braunschweig ein wirtschaftlicher Aufschwung ein. Herzog Wilhelm förderte zunächst besonders die Eisenindustrie. 1838 nahm die erste deutsche Staatsbahn zwischen Wolfenbüttel und Braunschweig ihren Betrieb auf. Read more about 1830-1884: Die Epoche Herzog Wilhelms

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1831 bis 1840: Neubau des Schlosses unter Hofbaumeister Ottmer

Das einstige Residenzschloss Braunschweigs, der Graue Hof, lag nach der Revolution von 1830 in Schutt und Asche. Unter der Herrschaft Wilhelms entstand ab 1831 ein neues Schloss an alter Stelle. Die Gestaltung durch Hofbaumeister Carl Theodor Ottmer sollte dem neuen Herzog die ihm gebührende Geltung verschaffen und zugleich Ausdruck der Weltoffenheit Wilhelms sein. Ottmers Braunschweiger Schloss beeinflusste noch in den 1870er und 1880er Jahren die Landesbauten im gesamten Herzogtum und inspirierte darüber hinaus die äußere Gestaltung des Stadtschlosses in Brüssel sowie des Buckingham Palastes in London, zumindest was dessen Hauptfront betrifft.

Ottmers Pläne für das neue Residenzschloss sahen eine repräsentative Hauptfassade und zwei Nebenflügel vor. Die Mitte der Hauptfassade konzipierte Ottmer mit römisch-antiken Formen: Triumphtor, Tempelfront, Säulen und einer überkuppelten Rotunde. Die Flanken der Anlage zierten Freisäulen und dem Barock entlehnte Pfeilerreihen. Die weitere Fassadengestaltung folgte leicht abgewandelt der Hauptansicht: nach Norden zum Park hin reicher ausgestaltet, schlichter dagegen nach Süden und zum Hof. 

Im Juni 1831 begann der Bau des neuen Schlosses. Sechs Jahre später, im Dezember 1837, bezog der Herzog den Nordflügel. Die Einweihung des Schlosses wurde in Gegenwart des Königs von Hannover festlich begangen. Bis zur endgültigen Fertigstellung des Schlosses dauerte es weitere drei Jahre. Zunächst wurde der Hauptflügel vollendet, dann der Südflügel und die Parkanlagen auf der Nordseite des Gebäudes. Im März 1841 waren die Bauarbeiten abgeschlossen. Mit einer Lustspielaufführung im kleinen Schlosstheater feierte man die Einweihung des gesamten Residenzschlosses. Tatsächlich vollendet war aber nur der dreiflügelige Kernbau. Die Bauplastik, die Säulengänge um den westlichen Schlossplatz am Bohlweg und auf der Schlossrückseite und die Quadriga über dem Portikus konnten aus Kostengründen nicht umgesetzt werden. 

Im kleinen Herzogtum Braunschweig, das die wirtschaftlichen Folgen der Napoleonischen Kriege noch spürte, verhalf der Schlossbau den Gewerken zu einem beachtlichen Aufschwung. Die Residenz blieb bis zum Ende der Monarchie 1918 ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Read more about 1831 bis 1840: Neubau des Schlosses unter Hofbaumeister Ottmer

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1865-1868: Der zweite Brand und Wiederaufbau

Bereits 24 Jahre nach seiner Einweihung fiel das Residenzschloss im Februar 1865 einer Brandkatastrophe zum Opfer. Dieses Schicksal legt eine Parallele mit dem Vorgängerbau, dem Grauen Hof, nahe, aber die Ursache war jetzt lediglich ein Schwelbrand, der von einem defekten Ofenrohr ausging, nicht eine Revolution. Der gesamte Nordtrakt und der nördliche Hauptflügel fielen den Flammen zum Opfer (zwei Drittel des Schlosses). Zwischen 1865 und 1868 erfolgte der Wiederaufbau, und bei dieser Gelegenheit wurde auch die noch fehlende Bauplastik ergänzt. Read more about 1865-1868: Der zweite Brand und Wiederaufbau

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1884-1913: Auswärtige Herzogsregenten in Braunschweig

Herzog Wilhelm starb 1884, ohne einen direkten Erben zu hinterlassen. Auf Druck Preußens konnte ab 1884 kein Welfe aus dem 1866 von Preußen annektierten Hannover in Braunschweig regieren. In einem noch zu Lebzeiten Wilhelms ausgearbeiteten Gesetz wurde daher geregelt, dass die Landesversammlung auswärtige Fürsten zu Herzogsregenten wählen konnte. Der erste dieser Regenten war Prinz Albrecht von Preußen (1837-1906), ein Neffe des Kaisers. Er verwaltete das Land im Sinne der gewachsenen Strukturen, unterstützte die wirtschaftliche Entwicklung und ließ eine Reihe von teils repräsentativen öffentlichen Gebäuden errichten

Auch mit der Wahl des Nachfolgers Johann Albrecht zu Mecklenburg-Schwerin (1857-1920) traf die Landesversammlung 1907 keine schlechte Entscheidung für Herzogtum und Stadt. Der Bau von Museen und Sporteinrichtungen sowie die Förderung der Schulbildung lagen ihm besonders am Herzen. Als Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft brachte Johann Albrecht außerdem eine gewisse Weltläufigkeit in die Residenz, u.a. besuchte der König von Siam, Chulalongkorn, die Stadt – dabei zeigte sich der König fasziniert vom Schloss.
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1913-1918: Das letzte Herzogspaar im Braunschweiger Schloss

Mit der Heirat des Prinzen von Cumberland Ernst August (1887-1953) aus der hannoverschen Welfenlinie und der Kaisertochter Victoria Luise (1892-1980) im Jahr 1913 wurden die preußischen Vorbehalte gegen die welfische Erbfolge hinfällig. Ernst August konnte als Herzog von Braunschweig den bisherigen Regenten Johann Albrecht ablösen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zwang den Herzog, ein militärisches Kommando zu übernehmen und die Regierungsgeschäfte an Victoria Luise zu übertragen.

Am 8. November 1918 musste Ernst August unter dem Druck des revolutionären Braunschweiger Arbeiter- und Soldatenrates abdanken, einen Tag vor Kaiser Wilhelm II. Die Familie ging zunächst nach Österreich und bewohnte ab 1925 Schloss Blankenburg im Harz, das ihr zusammen mit anderen Gütern im Zuge der Fürstenabfindung vom Freistaat Braunschweig übertragen worden war. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelte die Familie mit Hilfe britischer Truppen aus dem nunmehr in der sowjetischen Besatzungszone gelegenen Blankenburg auf das Familienschloss Marienburg bei Hannover um. Nach dem Tod von Ernst August und wegen anhaltender Zwistigkeiten mit ihrem Sohn kehrte Victoria Luise wieder nach Braunschweig zurück. Als Privatperson wirkte sie karitativ und publizierte bis ins hohe Alter autobiographische und zeitgeschichtliche Werke.  Read more about 1913-1918: Das letzte Herzogspaar im Braunschweiger Schloss

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Ab 1918: Schloss ohne Fürsten

Nach der Abdankung des letzten Herzogs während der Revolution von 1918 wurde die Hofstatt nach und nach aufgelöst und das verbliebene Mobiliar teilweise an andere Institutionen abgetreten oder versteigert. Die Gemälde gingen im Wesentlichen an das heutige Herzog Anton Ulrich Museum. Den Wunsch vieler Bürger nach einem Schlossmuseum lehnten die Revolutionäre zunächst mit der Begründung ab, herzogliche Gemächer würden einer sozialistischen Räterepublik Braunschweig nicht gut anstehen.  Read more about Ab 1918: Schloss ohne Fürsten

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1920-1934: Kultur im Schloss

Nachdem die Räterepublik durch die Intervention der Reichsregierung in Berlin zerschlagen worden war, ließ das neue Landesparlament des Freistaates Braunschweig 21 ehemalige Wohn- und Staatsräume auf der ersten Etage des Schlosses als Museum für fürstliche Kultur herrichten. Bereits zum Eröffnungstag am 7. März 1920 kamen zahlreiche neugierige Besucher ins Schloss, um die noch vorhandenen Möbel, Porzellane, Tafelaufsätze, Gemälde und Gobelins zu bestaunen. Einen besonderen Reiz übten die fürstlichen Wohnräume aus, ebenso der prunkvoll ausgestattete Speisesaal, der Weiße Saal. 

1920 hielt auch die Kammerspielbühne des Landestheaters im Großen Ballsaal Einzug. Am 2. Dezember des Jahres wurden die nach Berliner Beispiel eingerichteten Kammerspiele mit Goethes Urfaust eröffnet. Der Ballsaal bot Platz für 350 Zuschauer. Diese saßen sehr nahe am Bühnengeschehen, was neben dem abwechslungsreichen Spielplan zur Popularität der Kammerspiele beitrug. Bis 1928 stiegen nicht nur die Besucherzahlen, sondern auch die Anzahl der Aufführungen kontinuierlich. 

Im Mai 1921 eröffnete das „Museum zur Volksbildung“, das spätere Naturhistorische Museum, seine Schausammlung im Schloss. Mit der Umgestaltung der Herzogsresidenz zu einer Bildungsstätte hatte das Naturhistorische Museum endlich eine neue Bleibe gefunden - im Juni 1912 war es nach dem Tod seines Direktors Wilhelm Blasius vorübergehend geschlossen worden. In den neuen Ausstellungsräumen gab es für das Naturhistorische Museum ausreichend Platz, seine Exponate angemessen zu präsentieren. Kurz nach der Eröffnung war noch der große Gartensaal als Ausstellungsfläche hinzugekommen, weitere Schlossräume folgten, 22 wurden es insgesamt. Dazu kamen noch die Räume, in denen Museumsmitarbeiter die Exponate präparierten. 

 

Neben den Museen und den Kammerspielen siedelten sich auch die Landesfinanzverwaltung, die Reichswehr und die Luftverkehrsstelle im Schloss an. Später nutzten auch die Gesellschaft der Freunde junger Kunst unter der Leitung des bedeutenden Kunstsammlers Otto Ralfs, die Institute für Philosophie und Geschichte der Technischen Hochschule und der öffentliche Rundfunk das Schloss. In den Sälen fanden Konzerte und Ausstellungen statt. Dabei handelte es sich nicht nur um Kunstausstellungen, in der Orangerie des Schlosses wurde zum Beispiel im Juni 1932 eine Luftfahrtausstellung im Rahmen der reichsweiten Luftfahrt-Werbewoche gezeigt. An weiteren Einrichtungen war auch eine Volkslesehalle geplant. Dieses Vorhaben wurde jedoch nie umgesetzt. Read more about 1920-1934: Kultur im Schloss

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1935-1944: Das Schloss als SS-Junkerschule

Mit der Umwandlung des Gebäudes in eine SS-Junkerschule 1934 mussten die bis dahin im Schloss untergebrachten kulturellen Institutionen weichen. Aufgabe der paramilitärischen Schulungsstätte war es, den SS-Offiziersnachwuchs auszubilden. Die erste Führerschule der SS-Verfügungstruppe gründeten die Nationalsozialisten 1934 in Bad Tölz. Generalleutnant a.D. Paul Hausser erhielt den Auftrag, eine zweite Schule in Braunschweig einzurichten. Hausser ließ das Schloss umbauen, um darin rund 240 Offiziersanwärter beherbergen zu können. Einige der historischen Räume wie der Palisandersaal blieben jedoch erhalten. Die Anstalt wurde im Juni 1935 offiziell als Führerschule eingeweiht und 1937 in SS-Junkerschule umbenannt. Für die Jahre 1941 und 1942 ist der Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald in der Junkerschule belegt.

Über das Aussehen der Räumlichkeiten und die inneren Verhältnisse der SS-Schule ist sehr wenig bekannt. Es liegen lediglich Unterlagen mit Lehrinhalten und Prüfungsfragen vor. Die SS-Junkerschule wurde nach den Bombenangriffen auf Braunschweig im Februar und März 1944 nach Posen-Treskau im besetzten Polen verlegt. Read more about 1935-1944: Das Schloss als SS-Junkerschule

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1944: Zerstörung des Schlosses im Krieg

Im Zweiten Weltkrieg wurden fast 50 % des Schlosses durch Bombentreffer zerstört. Fenster und Türen der Ruine wurden nach 1945 vermauert, die Treppenzugänge abgerissen und das Gelände eingezäunt. Da jedoch wesentliche Teile der Bausubstanz erhalten waren, schien der Wiederaufbau des Schlosses nicht abwegig, zumal das Vorhaben auf breite Zustimmung in der Bevölkerung stieß. Nicht weniger als sieben Wiederaufbauplanungen und vier Substanzsicherungen standen bis 1960 in einer Reihe von Maßnahmen - in die Tat umgesetzt wurde keiner dieser Pläne. Sie scheiterten alle an ungeklärten Zuständigkeitsfragen zwischen der Stadt und dem Land sowie den unterschiedlichen Interessen privater Investoren und der Stadt. Alle damaligen Pläne beinhalteten massive Eingriffe in die Substanz des Schlosses. So war stets vorgesehen, den stark zerstörten Nordflügel und eventuell auch das übrige Gebäude bis auf den Portikus abzureißen. Keiner der Pläne sah einen vollständigen Wiederaufbau vor. Zur Debatte standen verschiedene Varianten einer Mischung aus kommerzieller und kultureller Nutzung mit Hotel, Kongresshallen, Kinos, Restaurants, Vortragssälen und Studiobühnen. Read more about 1944: Zerstörung des Schlosses im Krieg

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